von Rainer Werner Fassbinder

Katzelmacher

Premiere 18. Mai 2010

schauspielhaus Wien
Eine Produktion der Abteilung Schauspiel des Konservatorium Wien Privatuniversität

 

„Eine Liebe braucht jeder im Leben. Nicht gewöhnlich darf es sein. Und was Besonderes.“

In der Abgeschlossenheit eines kleinen Vorstadtviertels hat alles seine Ordnung: Marie gehört zu Erich, Paul schläft mit Helga, Bruno gehört Elisabeth und Gunda wartet immerzu auf ihn, den einen. Nur Ingrid will sich nicht binden. Sie versucht dem Lebensstillstand zu entkommen und den Sprung in die große Karriere zu machen. Ein Dasein Mitte 20 zwischen Hoffen und Verzweifeln. Dann taucht Mourad auf, ein tunesischer Leiharbeiter, der mit Marie eine Affäre beginnt. Das eintönige Gefüge des Alltags bricht auf und hat nur noch ein Thema: den Ausländer, der in der Phantasie aller zum Frauen- und Jobdieb, Terroristen, Vergewaltiger mutiert. Es ist das alte Lied, neu gesungen: Das Fremde muss als Projektionsfläche aller unbewältigten Ängste herhalten. Zentral ist die Unfähigkeit, dem eigenen Gefühl Ausdruck zu verleihen, die eine ganze Generation auszeichnet, dessen „Generation-Label“ erst noch gefunden werden muss.
Sex ist nicht mehr das Verbotene, das abenteuerliche Minenfeld der Leidenschaft - Sex wir vielmehr zu einem Akt der Selbsttröstung. Die wahre Tragödie besteht nicht darin, dass die Menschen einander Böses antun, sondern dass alle Aggressivität aus einer Demütigung herrührt, für die es keine Sprache gibt.

 

„Einer, der die Liebe im Bauch hat

… Es ist schon eine Anstrengung dabei, bei der Liebe, das ist eben so. Begrenzungen machen frei. Terror kann nicht so grausam sein wie die Angst vor dem Terror. Oder — verlassen zu werden, kann nicht so einsam machen wie die Angst vor dem Ende, denn die Angst vor dem Ende schafft ein Klima, in dem hast du Angst vor dem Terror. Alles in Einzelteile zerlegen und neu zusammensetzen, das müsste schön sein. Aber man kann immer nur ausgehen von dem, was ist. Keine Utopie ist eine. Und — die Vorstellung von einer schönen Liebe ist eine schöne Vorstellung, aber die meisten Zimmer haben vier Wände, die meisten Straßen sind gepflastert, und zum Atmen brauchst du Luft.“

Rainer Werner Fassbinder, März 1971

 

„Radikale Antworten

Das Paradies auf Erden ist die Wunschvorstellungen der meisten Menschen auch in dieser Welt, wobei schon bei der Frage, wie es aussehen sollte, die Meinungen auseinandergehen. Die Abwesenheit von Hunger, Krieg, Streit, Unglück und Krankheit kann man aber als Mindeststandard eines Paradieses ansehen. Gehören erfüllte Liebe dazu, Sex, unberührte Natur, Religion, Musik, überhaupt die schönen Künste wie Dichtung und Malerei, gutes Essen, Wein, Berge und Meer? Alle Versuche nur den Mindeststandard zu schaffen, sind gescheitert. Einzelnen Menschen ist es vergönnt, in paradiesischen Zuständen zu leben, weniger durch materiellen Wohlstand als zum Beispiel durch eine dauerhafte Liebesbeziehung. Auch kleineren Gemeinschaften ist es gelungen, wie Berichte von Forschern und Missionaren etwa aus dem Amazonasgebiet belegen, Lebensformen zu entwickeln, die sowohl den Interessen der Gemeinschaft als auch den individuellen Vorstellungen ihrer Mitglieder genügen. Aber sogar das beste Liebesverhältnis und die humanste Gemeinschaftsordnung sind nicht in der Lage dauerhaftes Glück zu garantieren.“

Heiner Geissler